„Welttag der sexuellen Gesundheit“ am 4. September: Mit Patientinnen und Patienten über Sex und STI reden

Strategien entwickeln, um vorurteilsfrei und einfühlsam ins Gespräch zu kommen

Sexuelle Gesundheit ist Teil der Gesamtgesundheit und umfasst neben psycho-sozialen auch medizinische Aspekte wie beispielsweise sexuell übertragbare Infektionen (STI) und STI-Prävention. Das Sprechen über Sexualität ist sowohl auf ärztlicher als auch auf Patient*innenseite häufig schambehaftet. Zudem wird mitunter die ärztliche Gesprächsführung als wenig empathisch wahrgenommen, sodass diese für Körper und Psyche wichtigen Fragen von den Patient*innen häufig gar nicht angesprochen werden. Was also braucht es für eine offene, einfühlsame und vorurteilsfreie Kommunikation auf ärztlicher Seite? Wie erzeugt man eine geeignete Gesprächssituation und welche Strategien können helfen? Anlässlich des „Welttages der sexuellen Gesundheit“ am 4. September geben die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) und die Deutsche STI Gesellschaft (DSTIG) kollegiale Tipps.

Sexuelle Gesundheit definiert die Weltgesundheitsorganisation als einen Zustand des körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf Sexualität. Dazu gehört, lustvolle und sichere sexuelle Erfahrungen ohne Zwang, Diskriminierung und Gewalt machen zu können. „Sexuelle Gesundheit ist ein wesentliches Element der Gesamtgesundheit. Daher haben wir als Medizinerinnen und Mediziner die Aufgabe, das Thema Sexualität mit unseren Patient*innen zu besprechen“, sagt Prof. Norbert Brockmeyer, Dermatologe und Präsident der Deutschen STI Gesellschaft (DSTIG). Zugleich liegt es in der ärztlichen Verantwortung, über sexuell übertragbare Erkrankungen (STI) und Prävention zu informieren. „Aus meiner Erfahrung gibt es an dieser Stelle ein Problem: Die Themen sexuelle Gesundheit, sexuelle Praktiken und die Risiken für Geschlechtskrankheiten werden im medizinischen Alltag nicht häufig genug angesprochen“, so der DSTIG-Präsident. Insbesondere in der Dermatologie, Urologie und Gynäkologie, den Fachgebieten, die eng mit dem Thema Sexualität verbunden sind, sollten daher Defizite in der Kommunikation und Sensibilisierung für dieses Thema abgebaut werden.

Die GeSiD-Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ aus dem Jahr 2020, dem ersten bundesweiten, repräsentativen Sex-Survey, hat Daten zu sexueller Identität, Beziehungen, sexuellem Verhalten und sexueller Gesundheit erhoben. Was auffallend war: Nur eine Minderheit (21 % der Männer und 31 % der Frauen) der insgesamt fast 5.000 befragten Erwachsenen hat jemals mit einem Arzt oder einer Ärztin über HIV/Aids oder andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) gesprochen1. Dahingegen gibt es sehr gute Studien, die belegen, dass ca. 90% der Patient*innen gerne mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über Sexualität reden möchten2,3.

„Bei den Gründen, das Thema sexuelle Gesundheit im Gespräch mit Patient*innen auszulassen, stehen Zeitdruck, Scham und vermeintlich wichtigere Gesundheitsthemen weit oben“, erklärt Prof. Dr. med. Silke Hofmann, Direktorin des Zentrums für Dermatologie, Allergologie und Dermatochirurgie, HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal und Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit der DDG. Wenn man als Behandelnde etwas daran ändern möchte, ist ein strategisches Vorgehen sinnvoll, meint die Dermatologin „Es fängt damit an, sich selbst zu beobachten, wie man sich als Fragende in dem Gespräch fühlt. Wenn man sich selbst beim Sprechen über Sexualität und STI unwohl fühlt, wird es der Patientin/dem Patienten genauso gehen“, meint Hofmann. Der nächste wichtige Schritt ist, mögliche Vorurteile zu identifizieren. Vom Alter, Aussehen, Familienstand oder anderen Faktoren lässt sich nicht auf sexuelle Aktivität schließen. 

Zu einer Strategie gehört, sich empathische Formulierungen für die Sexualanamnese zu überlegen. „Direkt nach der sexuellen Orientierung, nach sexuellen Gewohnheiten, der Häufigkeit von Partnerwechseln etc. zu fragen, kann das Gegenüber schnell verstummen lassen“, meint Brockmeyer. Um das Gespräch in Gang zu bringen, sollte man immer voranstellen, dass man alle Patient*innen zur sexuellen Gesundheit, nach der sexuellen Orientierung und der sexuellen Identität befragt. „Wenn man zunächst nach dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht und dann nach der aktuellen sexuellen Identität fragt, zeigt man, dass man die Vielfalt sexueller Identität im Blick hat“, rät Brockmeyer. Fragen sollten grundsätzlich nicht wertend sein, und manchmal ist es hilfreich zu erklären, warum man eine bestimmte Frage stellt. 

Für eine systematische Sexualanamnese sind die „5Ps“ der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) hilfreich. Nacheinander werden die Themenbereiche Partners, Practices, Protection from STI, Past History of STI und Pregnancy Intention behandelt. „Wenn der Boden für ein vertrauensvolles und offenes Gespräch gelegt worden ist, können die wichtigen Details zu Sexualpartner*innen, sexuellen Praktiken, Prävention und früheren STI-Diagnosen erfragt werden“, sagt Hofmann. Wenn man nach Sex-Praktiken fragt, können Formulierungen wie „Ich muss einige etwas spezifischere Fragen stellen, um zu verstehen…“ oder „An dieser Stelle unseres Gesprächs möchte ich einige Fragen zu Ihrem Sexleben stellen. Ist das für Sie in Ordnung?” hilfreich sein. 

„Für Gespräche kann es helfen, sich einen Frageleitfaden zu erstellen. Allerdings gilt hier: In der praktischen Umsetzung müssen die Fragen individuell auf das Gegenüber abgestimmt sein“, empfiehlt Brockmeyer. Gegen Ende des Gespräches sollten konkrete Tipps zur Risikoreduzierung von STI stehen. Und auch hier gilt es, die neu gewonnenen Erkenntnisse auf die Empfehlungen abzustimmen. Wer in einer gegenseitig monogamen Beziehung Sex hat, braucht andere Tipps als Personen, die häufig Ihre Partner*innen wechseln.
Am Schluss des Gespräches sollte immer der Patient oder die Patientin Zeit bekommen, noch etwas anzumerken oder zu fragen.

Das Führen von Gesprächen lässt sich trainieren. Die DSTIG bietet praxisnahe Workshops und Seminare zur Kommunikation mit Patient*innen über Sexualität, HIV und STI an. Kommunikationstechniken sind z.B. Inhalt der sexualmedizinischen Weiterbildung: Zusatz-Weiterbildung Sexualmedizin 

Weitere Informationsangebote:

  • Unterstützung für den Praxisalltag bietet zudem der „Leitfaden STI-Therapie, Diagnostik und Prävention“. Er enthält Hinweise zur Sexualanamnese und ist als App sowie als Druckversion auf der DSTIG-Homepage erhältlich: https://dstig.de/leitfaden-fuer-die-kitteltasche/
  • In Kooperation mit dem Walk In Ruhr-Zentrum und der STI-Gesellschaft Ruhr veranstaltet die DSTIG jährlich den Fachtag „SEXUALITÄT & PSYCHE“, der unter anderem die Kommunikation über sexuelle Gesundheit in den Mittelpunkt stellt: Fachtag
  • 2027 feiert die DSTIG ein besonderes Jubiläum: 125 Jahre DGBG/DSTIG. Aus diesem Anlass ist ein Leopoldina-Symposium geplant. Erste Informationen werden zeitnah auf der Homepage veröffentlicht: https://dstig.de/
  • Darüber hinaus findet die 8. Fachtagung „DSTIG special“ mit einem Schwerpunkt auf STI- und Sexarbeitsforschung statt.
    Fragen an: info(at)dstig.de 

Literatur:

1Briken, P., Dekker, A., Cerwenka, S. et al. Die GeSiD-Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ – eine kurze Einführung. Bundesgesundheitsbl 64, 1334–1338 (2021). https://doi.org/10.1007/s00103-021-03433-7
2Meystre-Agustoni G, Jeannin A, Heller de Meyrieux K, Dubois-Arber F. Talking about sexuality with the physician: are patients receiving what they wish? Swiss Med Wkly. 2011;141:w13178. doi:10.4414/smw.2011.13178
3Dubois-Arber F, Meystre-Agustoni G, Jeannin A, De Heller K, Pécoud A, Bodenmann P. Sexual behaviour of men that consulted in medical outpatient clinics in Western Switzerland from 2005-2006: risk levels unknown to doctors? BMC Public Health. 2010;10:552. doi:10.1186/1471-2458-10-552

Zum Weiterlesen empfehlen DDG und DSTIG:
CLINICIANS’ QUICK GUIDE. Discussing Sexual Health with Your Patients. PubNo. 301168. September 2022
Reno H, Park I, Workowski K, Machefsky A, Bachmann L. Guide to Taking a Sexual History. For Health Care Professional. June 26, 2024.
Die S2k-Leitlinie „Sexuell übertragbare Infektionen (STI) - Beratung, Diagnostik, Therapie“ wird derzeit aktualisiert. Fertigstellungtermin ist Dezember 2026.

Zum Welttag der sexuellen Gesundheit:
Jedes Jahr findet am 4. September der „Welttag der sexuellen Gesundheit“ (World Sexual Health Day) statt. Ins Leben gerufen wurde der Aktionstag von der World Association for Sexual Health (WAS). Ziel der Initiative ist es, sexuelle Gesundheit, Wohlbefinden und Rechte für alle zu fördern.

Kontakt:
Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG)
Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit: 
Prof. Dr. med. Silke Hofmann
Ansprechpartnerin Pressestelle: 
Dagmar Arnold
- Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit -
Robert-Koch-Platz 7
10115 Berlin
Tel.: +49 30 246 253-35
E-Mail: d.arnold(at)derma.de
www.derma.de www.derma-tagungen.de