„Kein Krankengeld bei Erkrankungen durch geschlechtliche Ausschweifungen“

Ehrung für Prof. Alfred Blaschko (1858-1922) in Berlin-Neukölln: Dermatologe, Sozialreformer und sexualmedizinischer Aufklärer

Der Bezirk Neukölln und die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) erinnern gemeinsam an einen bedeutenden Dermatologen und Sozialreformer, der sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts für Menschen mit Geschlechtskrankheiten einsetzte und dazu beitrug, Vorurteile abzubauen und die Versorgung der Erkrankten zu verbessern. Am 26.10.2026 wird an die Leistungen und die Bedeutung Blaschkos für Berlin durch das Anbringen von sechs Erläuterungsschildern im Verlauf der Blaschkoallee in Neukölln erinnert.

„Um 1900 waren die Geschlechtskrankheiten in Deutschland ein großes Problem. So erkrankten z.B. in Berlin jährlich von 1000 jungen Männern zwischen 20 und 30 Jahren fast 200 an Gonorrhö und 24 an frischer Syphilis. Der Name Alfred Blaschko steht dafür, Menschen mit Geschlechtskrankheiten nicht wie ‚Aussätzige‘ zu behandeln, sondern wie alle anderen Patienten auch“, sagt der Initiator, Dr. med. Volker Wendt, Dermatologe aus Oldenburg und Gedenktafelbeauftragter der DDG. Ende des 19. Jahrhunderts war diese Haltung keineswegs verbreitet. Zudem legte das Krankenversicherungsgesetz von 1883 fest, dass Krankenkassen im Fall von „selbstverschuldeten Ereignissen“ die Zahlung von Krankengeld an Patientinnen und Patienten verweigern konnten. Das galt zum Beispiel für Folgen von „Schlägereien oder Raufhändel“, für „Trunkanfälligkeit“ oder Erkrankungen durch „geschlechtliche Ausschweifungen“. Diese Personen bekamen dann keine Unterstützung. Auf Blaschkos Anregung hin kam es in der 90er Jahren des 19. Jahrhunderts zu einem Charité-Boykott. Grund war, dass Menschen mit Geschlechtskrankheiten dort zwar aufgenommen, dann aber abgesondert und wie Sträflinge weggesperrt wurden. Besuche von Angehörigen waren untersagt. Die Patienten mussten besondere Anstaltskleidung tragen. Der Boykott führte bei der Charité zu starken Einnahmeverlusten. „Blaschko gelang es, durch den ein Jahr dauernden Boykott und mit der Unterstützung fast aller Berliner Krankenkassen, die Charité zur Beseitigung dieser Ausnahmebestimmungen für Geschlechtskranke zu zwingen. Ein großer Erfolg.
Seit den 2010er Jahren nehmen die Geschlechtskrankheiten laut Robert Koch-Institut nun wieder kontinuierlich zu. „Somit ist die Thematik Geschlechtskrankheiten – wenn auch unter anderen Vorzeichen – unverändert aktuell“, betont Wendt.

„Viele Straßen in unserer Stadt sind nach Personen benannt, deren Wirken heute nicht mehr allgemein bekannt ist. Hier kommen sogenannte Erläuterungsschilder ins Spiel, auf denen Lebensdaten und berufliche Tätigkeit vermerkt sind. Interessierte bekommen also im Vorbeigehen interessante Hinweise auf das Tun und Wirken herausragender Männer und Frauen“, erklärt Bezirksstadtrat Jochen Biedermann, Leiter des Geschäftsbereichs Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr in Berlin-Neukölln. „Menschen wie der Berliner Dermatologe Blaschko setzten sich engagiert für die öffentliche Gesundheitspflege ein. Er hat dazu beigetragen, mit sexuell übertragbaren Erkrankungen modern und pragmatisch umzugehen. Das war damals nicht selbstverständlich“, so Biedermann.

Die Bedeutung Blaschkos Arbeit für Berlin und für die Dermatologie erkannten die Stadtväter bereits im Jahr 1932 und benannten eine Straße nach ihm: Die Blaschkoallee. Da Blaschko ein sozialistischer Freidenker jüdischer Herkunft war, wurde die Blaschkoallee nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im April 1934 nach einer Nazi-Größe umbenannt. Nach dem Krieg erfolgte dann die Rückbenennung der Straße.

Alfred Blaschko hat sich sein ganzes Leben lang für das Thema Geschlechtskrankheiten engagiert. Er war Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten im Jahr 1902. Zudem setzte er sich zusammen mit anderen Sozialreformern für die Einrichtung von Beratungsstellen ein, in denen über Verhütung und Schutz vor Geschlechtskrankheiten aufgeklärt wurde.

„Wir haben Alfred Blaschko noch aus einem anderen Grund viel zu verdanken. Auf Betreiben Blaschkos und der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten wurden in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts an zahlreichen deutschen Universitäten Lehrstühle für Dermatologie und Venerologie eingerichtet“, sagt Prof. Dr. med. Silke Hofmann, Direktorin des Zentrums für Dermatologie, Allergologie und Dermatochirurgie, HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal und Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit der DDG. Haut- und Geschlechtskrankheiten wurden dann im Jahr 1919 auch als Spezialgebiet zum Prüfungsfach im medizinischen Staatsexamen.

Dermatologisch Interessierten dürfen zudem die Blaschko-Linien ein Begriff sein. In seinem 1901 veröffentlichten Werk „Die Nervenverteilung in der Haut in ihrer Beziehung zu den Erkrankungen der Haut“ beschrieb Blaschko als erster eigentümliche Muster auf der Haut. Die nach ihm benannten Blaschko-Linien sind auf dem Rücken V-förmig. Auf der Brust, dem Bauchraum zwischen Brustkorb und Becken und an den Flanken zeigen sie sich S-förmig und im Kopfbereich wellenförmig. Bestimmte Hautkrankheiten oder Pigmentstörungen folgen exakt diesen Bahnen. „Blaschkos Beschreibungen halfen dabei, diese Art ‚diagnostischer Wegweiser‘ zu verstehen. Unter normalen Bedingungen sind die Linien unsichtbar. Sie werden erst dann sichtbar, wenn bestimmte Hautkrankheiten oder Mutationen exakt diesen Linien folgen“, erklärt Hofmann. Die Blaschko-Linien sind eine von vier Hauptgruppen von Linienmustern. Für die Diagnosestellung von Hauterkrankungen ist es wichtig, diese Linienmuster zu erkennen und zu differenzieren.

Kurzbiographie von Alfred Blaschko:
Alfred Blaschko (geb. am 3. März 1858 in Freienwalde; gest. am 26. März 1922 in Berlin) war ein deutscher Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Sozialhygieniker, der sich vor allem der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten widmete. Er studierte in Berlin Medizin, promovierte 1880, absolvierte seine chirurgische und internistische Ausbildung in Stettin und ließ sich danach als praktischer Arzt in Berlin nieder. 1888 habilitierte er sich im Fach Dermatologie. Im Jahre 1908 wurde ihm der Titel „Professor“ verliehen. Zehn Jahre nach seinem Tod ehrte ihn die Stadt mit einer Straßennamenbenennung. Aus dem Stubenrauchring in Neukölln wurde am 21. April 1932 die Blaschkoallee. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Straße umbenannt, um dann ab dem 31. Juli 1947 wieder Blaschkos Namen zu tragen.

Literatur:
Happle, R. Alfred Blaschko (1858-1922). In: Pantheon der Dermatologie. Herausragende historische Persönlichkeiten. Hrsg. Löser C, Plewig G. Springer-Verlag Berlin. 2008.
Zadek, I. Alfred Blaschko (Nachruf). In: Der Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. 27.03.1922.

Terminhinweis:
Eröffnung/Enthüllung der Blaschko-Erläuterungsschilder
Datum/Uhrzeit: Mo, 26.10.2026 um 11:30 Uhr
Ort: Kreuzung Fritz-Reuter-Allee/Blaschkoallee, 12359 Berlin-Neukölln
Gespräch im Anschluss für Presse und Interessierte: ca. 12 Uhr im Café in der Hufeisensiedlung (Adresse: Fritz-Reuter-Allee 44, 12359 Berlin)

Kontakt:
Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG)
Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit: Prof. Dr. med. Silke Hofmann
Ansprechpartnerin Pressestelle: Dagmar Arnold
- Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit -
Robert-Koch-Platz 7, 10115 Berlin
Tel.: +49 30 246 253-35, E-Mail: d.arnold(at)derma.de
www.derma.de, www.derma-tagungen.de