„Gesunde Bräune gibt es nicht!“ – Besserer Sonnenschutz vor allem für Kinder Dermato-Onkologie mit weiteren Fortschritten im Kampf gegen den Hautkrebs

29. Deutscher Hautkrebskongress der ADO,  11. – 14. September 2019 in Ludwigshafen, Kongressbericht

Ludwigshafen. (ka) „Nach den immensen Erfolgen im Bereich der Dermato-Onkologie gibt es fortlaufend positive Entwicklungen, die immer mehr Einzug in die Praxis halten“, so die Ansage des Tagungspräsidenten Prof. Dr. med. Edgar Dippel, Hautklinik im Klinikum der Stadt Ludwigshafen am Rhein, beim 29. Deutschen Hautkrebskongress in Ludwigshafen: „Wir möchten, dass auch unsere metastasierten Melanompatienten in Richtung Heilung gehen!“ Der hochkarätige Kongress ging mit mehr als 950 Teilnehmern mit großem Erfolg zu Ende. Vom 11. bis 14. September 2019 präsentierten internationale Experten die neuesten dermato-onkologischen Studien zur Prävention, Diagnostik und Therapie und diskutierten neue Strategien und vielversprechende Entwicklungen in der Melanomtherapie, bei der Behandlung des Basalzellkarzinoms, bei aktinischen Keratosen, kutanen Lymphomen und anderen Hautkrebsarten.

Ein Highlight zur Eröffnung des vielfältigen, praxisbezogenen Kongresses war die mitreißende Keynote-Lecture von Prof. Dr. Stefan W. Hell, Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie, Göttingen, zur Mikroskopie von molekularen Strukturen. Im Anschluss stellte sich der bekannte Nobelpreisträger bei einem speziellen „Meet the Expert“ der fachlichen Diskussion mit Nachwuchswissenschaftlern. Weitere  herausragende Plenarvorträge gab es von internationalen Spitzenforschern. So berichtete Prof. Dr. John Haanen, Netherlands Cancer Institute Amsterdam,  Niederlande, zu Zell-basierten Therapien und Prof. Dr. Alexander J. Stratigos, University of Athens Medical School/ Griechenland, zur Prävention von Hautkrebs.

Rasante Weiterentwicklung - Vielfalt an Therapieoptionen

Mit fachwissenschaftlicher Unterstützung von Prof. Dr. med. Jessica C. Hassel, Heidelberg, Dr. med. Christoph Löser, Ludwigshafen und Prof. Dr. med. Jochen Sven Utikal, Mannheim, bot das dermato-onkologische Update für Ärzte und das beteiligte Behandlungsteam neben wissenschaftlichen Kenntnissen und Fähigkeiten zur Diagnostik, Therapie und weiteren Erforschung von Hautkrebs einen interaktiven und intensiven kollegialen Austausch, wie Prof. Dippel betonte: „Ein wichtiger Networking-Kongress mit umfassenden Anregungen, welche Studien aktuell angeboten werden, um den Patienten die bestmöglichen Chancen zu bieten, mitzumachen und zu profitieren!“

Top-Themen waren aktuelle Forschungsergebnisse, diagnostische Entwicklungen und Behandlungsmöglichkeiten verschiedener Hautkrebsarten. Mit der Präsentation aktueller Studienergebnisse vom ASCO 2019, dem weltweit größten Krebskongress der American Society of Clinical Oncologie Anfang Juni in Chicago,  wurden die aktuellsten Erkenntnisse aus der Dermato-Onkologie und diskutiert. Im Fokus standen unter anderem Langzeitergebnisse bei der Therapie des metastasierten Melanoms, neue Resultate der adjuvanten Therapien und weitere Ergebnisse der systemischen Therapie bei Plattenepithelkarzinomen und kutanen Lymphomen. In einer dreistündigen Sitzung wurden 54 aktuell laufende Studien im Detail interaktiv bearbeitet und stellten eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten vor, die individuell auf Hautkrebspatienten zugeschnitten sind. „Über die ungeheure Vielfalt an Therapieoptionen kann man nur staunen“, so Prof. Dippel, „die Weiterentwicklung auf diesem Gebiet ist einfach rasant.“ Inzwischen sei das Studienfeld so breit, dass viele Patienten in Studien behandelt werden können und von der neuen Entwicklung profitieren: Hatten Patienten mit metastasiertem Melanom vor 15 Jahren noch eine mittlere Überlebenszeit von 6 bis 9 Monaten, so steht diese seit der Entwicklung von Immuntherapien und zielgerichteten Therapien heute bei deutlich mehr als zwei Jahren.

Diskussion neuer Strategieoptionen und Leitlinien

In fachspezifischen Sitzungen wurden aktuelle Daten zu den neuesten dermato-onkologischen Studien intensiv diskutiert, vor allem die weiterentwickelten Strategieoptionen bei Melanomen und anderen Hauttumoren durch zielgerichteten Therapien, Immuntherapien, Kombinationstherapien und Immuntherapien mit Checkpoint-Inhibitoren  (Cis), deren Entwicklung weltweit im Fokus steht. Updates zu bereits veröffentlichten Studien belegten Wirksamkeit und Sicherheit von PD1-Antikörpern, die unter anderem in der Therapie des metastasierten Plattenepithelkarzinoms eingesetzt werden können.
 „Als ADO, also als Fachgruppe der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft, sind wir immens aktiv, um diagnostische und therapeutische Leitlinien voranzutreiben“, betonte Prof. Dippel. Dabei geht es um die Entwicklung von Leitlinien zum malignen Melanom, Basalzellkarzinom, Plattenepithelkarzinom, Merkelzellkarzinom, kutanen Lymphomen und kutanen Sarkomen. Entscheidend in der aktuellen dermato-onkologischen Diskussion sei der intensive fachliche Austausch darüber, welche Patientengruppen von welcher Therapie auch schon adjuvant, also unterstützend zur Operation, profitieren könnten. Untersuchungen zeigten Vorteile der adjuvanten Therapie bei Melanompatienten mit hohem Rückfallrisiko, um die Rezidivgefahr zu senken. Ein weiteres großes Thema war das optimale Therapiemanagement von Nebenwirkungen bei den Immuntherapien und zielgerichteten Therapien. „Wir sind an vorderster Front, auch Nebenwirkungen zu den Immuntherapien bestmöglich in den Griff zu bekommen“, so Pro. Dippel. „Die Forschung muss in allen Bereichen weitergehen!“ Neue Therapiemöglichkeiten ergeben sich jetzt auch bei selteneren Tumoren wie z.B. bei den kutanen Lymphomen durch die Zulassung neuer Medikamente.

Steigende Erkrankungsrate und Präventionsmöglichkeiten

Dass Hautkrebs ein immer größer werdendes Problem darstellt, zeigten auch Erfahrungen im klinischen Alltag: „In unseren täglichen Sprechstunden merken wir, dass die Erkrankungsrate immer noch weiter steigt. Inzwischen stellt sich in der dermatologischen Praxis zwei Drittel Patienten zur Vorsorge, Behandlung oder Nachsorge von Hautkrebs vor“, betont der Vorsitzende der ADO Prof. Dr. med. Ralf Gutzmer, Medizinische Hochschule Hannover. Tatsächlich ist Hautkrebs trotz aller medizinischen Fortschritte immer noch die häufigste Krebserkrankung. Die Zahl der Neuerkrankungen hat sich in den letzten zehn Jahren in Deutschland verdoppelt. An erster Stelle steht das Basalzellkarzinom (Weißer Hautkrebs) mit jährlich rund 140.000 Fällen, gefolgt vom Plattenepithelkarzinom mit rund 70.000 Neuerkrankungen und dem malignen Melanom (Schwarzer Hautkrebs) mit rund 28.000 Fällen. Es werden weitere Steigerungen erwartet, bis 2030 sogar eine weitere Verdoppelung der Hautkrebspatienten. Dafür werden UV-bedingte Hautschäden aufgrund intensiver Sonnenexposition in der Kindheit und Jugend mitverantwortlich gemacht.

Das immer weitere Ansteigen der Hautkrebserkrankungen gehe auf den allzu sorglosen Umgang mit der Sonne in den letzten Jahrzehnten zurück: „Die heute diagnostizierten Hautkrebse sind vor 20 bis 30 Jahren entstanden“, so Prof. Gutzmer. „Bei unserer lichtgeschädigten Bevölkerung gibt es auch in Zukunft einen Riesenbedarf an Vorsorge, Behandlung und Nachsorge.“ Als wichtiger Schritt in der Hautkrebsprävention wurde das UV-Schutzbündnis angesehen mit dem Motto: Der beste Hautkrebs ist der, der gar nicht erst entsteht. Aktuelle Untersuchungen zeigten ein großes Informationsdefizit: Das seit 2008 bundesweit angebotene Hautkrebs-Screening  zur Früherkennung und der frühzeitigen Identifizierung von Hauttumoren, auf das alle gesetzlich Versicherten ab 35 Jahren nach der Krebsfrüherkennungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) alle zwei Jahre einen Anspruch haben, hat sich bei der Hälfte der Versicherten immer noch nicht herumgesprochen. Dabei könnten bei frühzeitiger Entdeckung Tumore risikoärmer entfernt und eine Progression vermieden werden.

„Gesunde Bräune gibt es nicht!“

Allgemein müsste sich das Bewusstsein dafür ändern, wie wir uns in der Sonne verhalten. Der Blick auf Australien zeige, dass es durchaus möglich ist, innerhalb weniger Jahre einen effektiven Hautschutz einzuführen, der in breiten Bevölkerungsschichten anerkannt ist. „Die Mittelmeerländer machen nicht umsonst eine mehrstündige Mittags-Siesta“, wie Prof. Dr. med. Jessica C. Hassel, Sektion Dermatoonkologie Universitätsklinikum Heidelberg betonte. Doch das allgemeine Urlaubs- und Freizeitverhalten verdeutliche, dass das Risiko direkter Sonneneinwirkung in der Mittagszeit zwischen 11 und 15 Uhr mit der aggressiven UV-B-Strahlung immer noch zu wenig ernstgenommen wird. „Die gesunde Bräune gibt es leider nicht!“, so Prof. Hassel. Obwohl das UV-Licht nach WHO-Einschätzung so gefährlich eingestuft wie Asbest, werden künstliche UV-Lichtquellen wie Solarien immer noch genutzt. Der relativ hohe UV-A-Anteil der Solarien mache zudem auf Dauer eine pergamentartig dicke Haut, befördert die Hautalterung und Faltenbildung. Bei der persönlichen Eitelkeit setzt die neu entwickelte App „Sunface“ an, die unter Einbeziehung von Selfie-Fotos einen verblüffenden Blick in die Zukunft gestattet, indem sich das eigene Gesicht in den nächsten Jahren verändert – je nachdem wie es der Sonne ausgesetzt wird, mit und ohne Sonnenschutz.

Besserer Sonnenschutz vor allem für Kinder

Nach allgemeinem Konsens ist vor allem das UV-Licht in der Kindheit entscheidend für eine spätere Erkrankung an schwarzem Hautkrebs. „Je mehr Sonneneinstrahlung in den ersten Lebensjahren auf die Haut einwirkt, desto höher ist das Risiko, an einem Melanom zu erkranken“, so Prof. Gutzmer, „das kann keiner mehr zurückdrehen. Eltern sollten dafür sensibilisiert werden, dass sie hier eine große Verantwortung haben.“ Da Sonnenbrände in den ersten 10 bis 12 Lebensjahren das Hautkrebsrisiko determinieren, werden verstärkt Anstrengungen für UV-Schutzprogramme für Kinder unternommen. Schulungen für Eltern, Erzieher und Kinder sollen auf die Gefahr von UV-Strahlung aufmerksam machen, deren Auswirkungen sich erst Jahrzehnte später zeigen.

Langzeitstudien über mehrere Jahrzehnte geben deutliche Hinweise, welche Schutzmaßnahmen besonders effektiv sind: An erster Stelle die Vermeidung von Sonne, an zweiter Textilschutz und erst an dritter Stelle das Auftragen von Sonnencreme – allerdings in ausreichender Menge. „Nicht die immer höheren Sonnenschutzfaktoren sind entscheidend für die Prävention, sondern vor allem die Nutzungstechnik“, so Prof. Dippel. „Nur wenn Sonnenschutzmittel nicht nur sparsam, sondern in ausreichender Menge angewendet werden, können sie die Haut effektiv vor der Sonnenstrahlung schützen.“ Aktuelle Untersuchungen belegen, dass Sonnencreme meistens viel zu dünn aufgetragen wird und der Schutz dadurch extrem abnimmt – exponentiell, das heißt: Wenn nur die Hälfte der ausreichenden Menge bei Sonnenschutzfaktor 50 aufgetragen wird, reduziert das die tatsächliche Schutzwirkung auf einen effektiven UV-Schutzfaktor von 5.

Sonnencreme schützt nicht vor Melanom

Studien zeigten außerdem, dass Sonnencreme keinen Schutz vor einem Melanom bieten kann. Jedoch kann ausreichend aufgetragene Sonnencreme vor Sonnenbränden und der Ausbildung eines Plattenepitelkarzinoms schützen, des weit verbreiteten weißen Hautkrebses. Dem besonders großen Risiko von Berufstätigen, die unter freiem Himmel arbeiten, durch UV-Licht Hautkrebs zu entwickeln, wird inzwischen Rechnung getragen. Seit 2015 ist die Erkrankung an einem Plattenepitelkarzinom und seinen Vorstufen, den sogenannten Aktinischen Keratosen, als Berufskrankheit anerkannt, etwa bei Bauarbeitern, Gärtnern oder Sportlehrern. In der Bauwirtschaft ist der weiße Hautkrebs mit fast 3.000 angezeigten Fällen im Jahr 2018 schon die häufigste Berufskrankheit. Der Arbeitsschutz von sogenannten "Outdoor Workern" soll noch weiter verbessert werden. Beim Kongress wurde darauf hingewiesen, dass auch die Anerkennung des Basalzellkarzinoms als Berufskrankheit unmittelbar bevorsteht.

Künstliche Intelligenz in der Hautkrebs-Diagnostik

Ein wichtiger Schwerpunkt und ein weiteres Highlight des diesjährigen Hautkrebskongresses waren weitere rasante Entwicklungen im Bereich Digitale Medien und Künstliche Intelligenz (KI) in der dermatologischen Diagnostik. Prof. Dr. med. Holger Hänßle, Dermatologie Universitätsklinik Heidelberg, wies auf das Ergebnis seiner internationalen Studie von 2018 hin, nach dem bei der bildlichen Unterscheidung von Melanom und Muttermal im Vergleich von ausgebildeten Hautärzten und einem selbstlernenden Computerprogramm die meisten Fachärzte, die viel Erfahrung brauchen, um ein Melanom sicher zu erkennen, von der KI überrundet wurden. Die guten Ergebnisse zeigten, dass neue Computer-Algorithmen eine automatisierte Melanomdiagnose ermöglichen, so dass der Einsatz künstlicher Intelligenz schon Einzug in die Diagnostik hält. Die erste Technologie hat jetzt die Marktzulassung in Europa und wird von den ersten Praxen eingesetzt. Wie Prof. Hänßle betonte, handelt es sich ein reines Assistenzsystem, das dem Arzt beratend an die Seite gestellt werden kann. Das heißt, die Technik bleibt immer auf die Interpretation der Ärzte angewiesen: „Sie funktioniert ausschließlich über Bilddaten und ist nur ein Parameter von ganz vielen!“ Aber die KI sei auf dem Level von trainierten Medizinern und könnte zum Beispiel in Gebieten mit Ärztemangel zum Einsatz kommen. Als Zukunftsvision sei denkbar, dass KI-Systeme Expertenniveau erreichen und auch zur Unterstützung in der Histologie eingesetzt werden könnten.

„Forum Hautkrebs“ mit öffentlicher Podiumsdiskussion

Am letzten Kongresstag wurden beim gut besuchten „Forum Hautkrebs“ Patienten, Angehörigen und interessierten Bürgern die aktuellen Erkenntnisse vom 29. Deutschen Hautkrebskongress vorgestellt. Interdisziplinär und engagiert wurden von der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (ADO) und der Deutschen Hautkrebsstiftung aktuelle Informationen zu Vorbeugung, Hautkrebsfrüherkennung und Nachsorge sowie neuesten Behandlungsmöglichkeiten vorgestellt. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion engagierten sich Prof. Dr. med. Jessica C. Hassel, Heidelberg, Dr. phil. Joachim Wiskemann, Heidelberg, Dr. Christoph Löser, Ludwigshafen sowie Anne Wispler und Hans-Walther Böthel, Berlin. Die Teilnehmer nutzten bei der öffentlichen kostenfreien Veranstaltung die Möglichkeit, sich zu informieren und Fragen zum Thema Hautkrebs direkt an die Experten und Vertreter der Selbsthilfegruppen zu stellen.

Ausblick: Hautkrebskongress 2020 in Nürnberg

Der 30. Deutsche Hautkrebskongress findet vom 09. – 12. September 2020 in der Messe Nürnberg (NCC Mitte) statt. Kongresspräsidenten sind Prof. Dr. Erwin S. Schultz und Dr. Dirk Debus, Hauttumorzentrum im Klinikum Nürnberg, sowie Frau Prof. Carola Berking, Universitätshautklinik Erlangen. Weitere Informationen zur Tagung gibt es unter www.ado-kongress.de.

Pressekontakt/ Autorin:
Kerstin Aldenhoff
Tel. 0172 / 3516916
presse@conventus.de
www.ado-kongress.de

Erstellt am
30.10.2019
Autor
Kerstin Aldenhoff
Themen
Pressemittteilung
Quelle
Conventus Congressmanagement & Marketing GmbH