Streitfall „Standardtherapie“

Patienten mit Hauterkrankungen müssen immer noch für Harnstoff-Medikamente zahlen

Die medizinische Bedeutung von Harnstoff-Präparaten für Patienten mit Hauterkrankungen ist unter Experten unstrittig. Dennoch werden diese Medikamente derzeit nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Der Grund: Sie gehören zu den Medikamenten, die rezeptfrei in Apotheken erhältlich sind. Seit dem 1.1.2004 dürfen die gesetzlichen Krankenkassen diese Arzneien nicht mehr vergüten. Für schwerkranke Patienten gelten jedoch Ausnahmeregelungen. Ihnen werden Standardtherapien auch weiterhin erstattet. Patienten mit schweren chronischen Hautkrankheiten sind davon jedoch überwiegend ausgenommen.

 

Denn in der seit 1.4.2004 gültigen Ausnahmenliste fehlen neben Basis-Therapeutika die Harnstoff-Präparate gänzlich. Von dieser Situation sind mehr als 3 Millionen Patienten mit chronischen Hauterkrankungen, wie Neurodermitis oder Schuppenflechte, betroffen. Für ihre Therapien mit Harnstoff-Präparaten müssen diese Patienten seither selbst aufkommen. Die Ausgaben dafür belaufen sich bei schweren Fällen im Schnitt auf vierstellige Eurobeträge jährlich. „Diese Regelung ist für uns als dermatologische Fachgesellschaft absolut unverständlich“, betont Prof. Dr. Harald Gollnick, Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. „Seit den 1970er Jahren ist Harnstoff in der Behandlung von Neurodermitis und Schuppenflechte unverzichtbar und seine Wirksamkeit ist eindeutig belegt.“

 

Genau das aber zieht der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen in Zweifel. Dieses Gremium entscheidet über die Erstattungsfähigkeit rezeptfreier Arzneimittel. Streitpunkt ist die Frage, ob Harnstoff-Präparate für die Behandlung der genannten Erkrankungen den Therapiestandard darstellen. Dr. Rainer Hess, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, verteidigt in einem Gespräch mit führenden Vertretern der DDG und des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen (BVDD) die derzeitige Rechtslage: „Die Studienlage wird als äußerst dünn angesehen. […] Harnstoff hat eine mildernde Wirkung. Das ist aber mehr Pflege, das ist nicht eigentlich Behandlung. Daher ist Harnstoff auch nicht in die Ausnahmeliste aufzunehmen.“

 

Dieser Ansicht widersprechen Experten vehement, so etwa Prof. Dr. Matthias Augustin, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Gesundheitsökonomie der DDG. Augustin hat mit Unterstützung der DDG eine umfangreiche Expertise zur Wirksamkeit und zum klinischen Nutzen von Harnstoff in der Therapie chronisch entzündlicher Hauterkrankungen erstellt. Dazu haben Augustin und seine Kollegen über 170 Publikationen und Buchbeiträge ausgewertet. „Unser Fazit ist eindeutig: Harnstoffhaltige Zubereitungen stellen nachweislich Standardtherapien in der Behandlung chronischer Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Schuppenflechte (Psoriasis) und der so genannten Fischschuppenkrankheit (Ichthyosis) dar“, so Augustin. „Der Stellenwert dieser Medikamente wird in Publikationen, in den einschlägigen dermatologischen Lehrbüchern sowie in den Empfehlungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ausdrücklich betont.“

 

Auch in anderen EU-Ländern favorisieren dermatologische Fachgesellschaften Harnstoff in der Behandlung chronischer und entzündlicher Hauterkrankungen, wie Prof. Gollnick weiß. „Nur in Portugal zahlen die Patienten für Harnstoff selbst. Dagegen gelten Harnstoff-Präparate in der Schweiz, in den Niederlanden, in Belgien, Frankreich, Italien, Schweden, Großbritannien und in Finnland als erstattungsfähige Arzneimittel und nicht als Pflegemittel.“

 

Dass es zur Wirkung von Harnstoff nur wenige klinische Studien gibt, hat vor allem historische Gründe. So müssen neue Medikamente heute ihre Wirksamkeit zunächst in umfangreichen kontrollierten Studien nachweisen, bevor sie zugelassen werden. „Als Harnstoff als Therapeutikum zur Behandlung von entzündlichen Hauterkrankungen eingeführt wurde, gab es diese Maßstäbe noch nicht“, erklärt Prof. Augustin. Dennoch habe sich Harnstoff seit Jahrzehnten in der Praxis bewährt. „Ihm seine Wirkung jetzt auf Grund fehlender Studien abzusprechen, geht schlicht an der Realität vorbei“, so Prof. Augustin.

 

Augustins Expertise liegt derzeit dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen vor und wird jetzt von einer eigens eingerichteten Arbeitsgruppe geprüft. Damit wollen DDG und BVDD erreichen, dass Harnstoff-Präparate in die Ausnahmeliste aufgenommen werden. „Letztlich geht es darum, unzumutbare soziale Härten für schwer hautkranke Patienten abzufedern“, erklärt Prof. Augustin. Mit einer Entscheidung des Bundesausschusses ist bis Jahresende zu rechnen.

Erstellt am
01.12.2004
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Nachrichten