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Clinician Scientist Programm: Interview Dr. Miriam MengoniForschen als Clinician Scientist am Universitätshautklinikum Magdeburg - Fortgeschrittener Hautkrebs: psychosoziale Faktoren und kognitive Funktionsstörungen

Dr. med. Miriam Mengoni, Teilnehmerin des Clinician Scientist Program der Deutschen Stiftung für Dermatologie unter der Schirmherrschaft von DDG und ADF, forscht zum Thema kognitive Funktionsstörungen bei Menschen mit fortgeschrittenem Hautkrebs, die eine Systemtherapie erhalten. Sie untersucht die zugrunde liegenden Mechanismen und entwickelt therapeutische Interventionsmöglichkeiten. Dr. Mengoni ist Assistenzärztin an der Universitätshautklinik Magdeburg. Seit Dezember 2022 kann sie sich dank der „geschützten Forschungszeit“ auf die wissenschaftliche Tätigkeit konzentrieren.

„Für mich ist das CSP eine wunderbare und einzigartige Möglichkeit, meine vorherige klinische Erfahrung in der Patientenversorgung mit wissenschaftlicher Expertise in der klinischen und experimentellen medizinischen Forschung zusammenzubringen.Es ist ein toller fachlicher, aber auch persönlicher Zugewinn.“

Frage: Frau Dr. Mengoni, was hat Sie motiviert, sich für das Clinician Scientist Program zu bewerben?
MM: Ich bin seit 2018 als Assistenzärztin in der Dermatologie tätig und arbeite im Rahmen meiner klinischen Ausbildung schon einige Zeit mit Patientinnen und Patienten mit einem Melanom oder anderen fortgeschrittenen Hautkrebserkrankungen. Hier gerät man auch heutzutage – trotz des enormen Fortschritts insbesondere im therapeutischen Bereich wie dem Einsatz von Immuncheckpoint-Inhibitoren oder Signaltransduktions-Inhibitoren – an Behandlungsgrenzen. Zusätzlich sind viele Fragen über die Entstehung von Hautkrebs ungeklärt. Hier erhoffe ich mir, einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten zu können.

Frage: Die durch das CSP mögliche Forschungszeit begann im Dezember 2022. Wie erleben Sie diese Form des Forschens im klinischen Setting?
MM: Für mich ist die Verknüpfung von Forschung und Klinik enorm wichtig. Viele Aufgaben in der klinischen Routine beanspruchen jedoch viel Zeit und sind zeitlich wenig flexibel. Das CSP stellt daher mit der geschützten Forschungszeit – auch bei diesem patientenzentrierten Projekt – eine große Unterstützung für mich dar. Auch in Zukunft erhoffe ich mir, sowohl in der Patientenversorgung als auch in der Forschung weiterhin tätig sein zu können.

Frage: Bereits seit Beginn Ihrer Promotionsarbeit beschäftigen Sie sich mit experimenteller Forschung auf dem Gebiet der Tumorbiologie und -immunologie am Beispiel des kutanen Melanoms. Wann und warum kam der Bereich der kognitiven Neurowissenschaften hinzu?
MM: Das ist eine sehr schwierige Frage. Letztendlich war das Ganze ein Prozess, der sich über viele Jahre mitentwickelt hat. Ein tiefgreifendes Interesse für die Neurologie habe ich bereits seit dem Medizinstudium gehabt. Im Rahmen meiner Promotion wurde ich dann durch ein Stipendium gefördert, das im Bereich Neuroimmunologie thematisch angesiedelt war (Bonner Promotionskolleg “NeuroImmunology“, BonnNI). Auch im Rahmen weiterer experimenteller Arbeiten haben wir uns in kürzerer Zeit mit unseren dermatoonkologischen und immunologischen Fragestellungen der Neurowissenschaft angenähert. Daher fand ich die Idee für dieses klinisch-translationale Projekt sehr spannend.

Frage: Psychoonkologische und psychosoziale Aspekte haben bei anderen Tumor-Erkrankungen bereits seit vielen Jahren einen hohen Stellenwert. Wie stellt sich die Situation bei Hautkrebs dar?
MM: Auch im Bereich der Versorgung von Hautkrebspatientinnen und -Patienten sind psychoonkologische und psychosoziale Aspekte bereits seit einiger Zeit glücklicherweise fest etabliert. Beide sind beispielsweise in den Leitlinien für viele Hautkrebserkrankungen oder auch als Zertifizierungskriterien für dermatoonkologische Zentren als integrale Bestandteile fixiert, so dass auch die personellen, strukturellen und inhaltlichen Voraussetzungen angepasst worden sind. Für die Behandlung der an Hautkrebs Erkrankten sind aus meiner Sicht psychoonkologische und psychosoziale Aspekte zentral. Neben den körperlichen Beschwerden durch die Erkrankungen leiden die Betroffenen häufig auch an seelische Belastungen, Depressionen oder Ängste, die durch die rein dermatoonkologische Therapie nicht ausreichend mitbehandelt werden. In unserer dermatoonkologischen Betreuung in Magdeburg unterstützen wir die Patienten sehr, psychoonkologische und psychosoziale Angebote wahrzunehmen.

Frage: Ihr Forschungsprojekt hat den Titel „Mechanismen und therapeutische Beeinflussung kognitiver Funktionsstörungen bei Patienten mit fortgeschrittenem Hautkrebs unter Systemtherapie“. Was genau untersuchen Sie und welche Methoden kommen zur Anwendung?
MM: Im Zuge der neuen Behandlungsmöglichkeiten für Hautkrebs wurde der Begriff des sog. „Cancer Survivorship“ geprägt, also einer Möglichkeit zur kurativen Behandlung der Erkrankung und zum Erreichen eines Langzeitüberlebens. Deshalb gewinnt ein besseres Verständnis nicht nur der körperlichen, sondern auch der psychischen Langzeitfolgen der neuen Behandlungsformen zunehmend an Bedeutung.

Für Krebspatienten, die eine Chemotherapie erhalten haben, ist bekannt, dass bei einigen Therapien kognitive Funktionen signifikant, teils reversibel, teils jedoch auch irreversibel einschränkt werden (sog. „Cancer related cognitive impairement“, CRCI). Für die modernen Systemtherapien gibt es bis dato dahingehend nur wenig Bekanntes. In dem aktuellen Forschungsprojekt befasse ich mich vorrangig damit, Auswirkungen einer monate- bis jahrelangen Therapie mit Signaltransduktions-Inhibitoren oder Immuncheckpoint-Blockern auf höhere Hirnfunktionen wie Lernen und Gedächtnis bei Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem Hautkrebs zu untersuchen. Hierzu verwenden wir standardisierte Tests, die wir vor Beginn der Therapie sowie longitudinal unter Therapie in regelmäßigen Abstände durchführen, um kognitive Funktionen „zu messen“. Je nach dem, was sich hier aus den ersten Erkenntnissen ableiten lässt, birgt das Projekt sehr viel Spielraum auch für Anschlussarbeiten, sowohl im präklinischen wie auch klinischen Bereich.

Frage: Welche ersten funktionsfähigen Ansätze für eine „positive“ therapeutische Begleitung von Hautkrebserkrankten haben Sie bereits entwickelt?
MM: Aus den aktuellen Daten lassen sich aktuell noch keine abschließenden Rückschlüsse ziehen. Wenn Unterschiede in der kognitiven Verarbeitung unter Einfluss von Signaltransduktions-Inhibitoren oder Immuncheckpoint-Blockern in den aktuellen Untersuchungen zu beobachten wären, wäre es natürlich spannend zu schauen, ob man hier begleitendzum Beispiel durch mentale Trainingsprogramme, bzw. Gedächtnistrainings proaktiv tätig werden kann. Hier gibt es auch schon einige wissenschaftliche Arbeiten, die sich damit in Bezug auf Chemotherapien auseinandergesetzt haben.

Als zweiten Teil des Projekts haben wir in Kooperation u.a. mit der AG Preim und AG Spiliopoulou der hiesigen Fakultät für Informatik eine digitale Applikation entwickelt, die Ärztinnen und Ärzte in Bezug auf Entscheidungsfindungen im Tumorboard unterstützen kann. Hierfür wurde in eigenen Vorarbeiten eine strukturierte Datenbasis mit Basis- und Verlaufsparametern von Patienten mit Melanom erstellt. Wir wollen dies durch eine Anwendung erweitern, bei der weitere psychosoziale Faktoren aus der Patientengeschichte integriert werden. Durch diese Fusion aus biomedizinischen und psychosozialen Einflussfaktoren erhoffen wir uns, Therapieadhärenz und Wohlbefinden von Krebspatienten nachhaltig zu verbessern und uns dem Ziel einer patientenindividuellen Versorgung zu nähern.

Frage: Was bedeutet das Clinician Scientist Program für Sie? Was ist Ihr Zwischenfazit?
MM: Für mich ist das CSP eine wunderbare und einzigartige Möglichkeit, meine vorherige klinische Erfahrung in der Patientenversorgung mit wissenschaftlicher Expertise in der klinischen und experimentellen medizinischen Forschung zusammenzubringen.Es ist ein toller fachlicher, aber auch persönlicher Zugewinn, den man durch das CSP erhält. Ich bin gespannt, wie sich die weiteren sechs Monate der Förderungsperiode entwickeln, und hoffe, dass ich im Rahmen des Programms bereits die „Weichen“ für die Habilitation stellen kann.

Was mich im Laufe des bereits vergangenen halben Jahres bereits sehr beeindruckt hat, ist auch die Bereitschaft der Patientinnen und Patienten, die Forschung in diesem Bereich zu unterstützen. Hierfür bin ich sehr dankbar.

Vielen Dank für das Gespräch!